30.01.2026
In den letzten Tagen sind mehrere Zeitungsartikel zum Thema Beißvorfälle, „Kampfhunde“, Listenhunde und Halterverantwortung erschienen. Auslöser ist unter anderem ein weiterer Vorfall hier in der
Region, bei dem ein Hund eines entsprechenden Rassetyps eine den Hund betreuende Person schwer verletzt hat – so schwer, dass nicht nur eine medizinische, sondern auch psychologische Betreuung
notwendig war und gegebenenfalls weiterhin notwendig ist.
Ich wurde im Vorfeld der Veröffentlichung eines Artikels in einer regionalen Zeitung zu diesem Thema befragt und habe der Autorin meine fachliche Position mündlich und schriftlich ausführlich
übermittelt – in einer Form, die aus meiner Sicht für eine sachliche, deeskalierende Einordnung geeignet ist. Nach Durchsicht der verschiedenen Entwurfsfassungen habe ich mich jedoch bewusst dafür
entschieden, im Artikel nicht namentlich erwähnt oder zitiert zu werden. Der Beitrag ist schließlich ohne meinen Namen erschienen.
Ich schreibe diesen Blogbeitrag nicht, um einer einzelnen Journalistin fachliche Kompetenz abzusprechen. Das ist ausdrücklich nicht meine Intention. Die Autorin war im Austausch freundlich, interessiert und erkennbar bemüht, differenziert zu arbeiten.
Ich schreibe diesen Text, weil das Muster hinter solchen Artikeln – selbst wenn sie gut gemeint sind – regelmäßig zu einer Debatte führt, die lauter wird, aber nicht klüger.
Und weil ich als Hundetrainer, Prüfer für den Hundeführerschein, sachverständiger Gutachter und nicht zuletzt auch selbst als Hundehalter Verantwortung trage: gegenüber Hundehalter:innen und
gegenüber der Öffentlichkeit.
Meine zentrale Begründung für die Entscheidung zur Nichtnennung ist einfach: Ton, Schwerpunktsetzung und mehrere verkürzte oder unpräzise Darstellungen hätten in Summe den Eindruck entstehen lassen,
ich würde eine Argumentationslinie mittragen, die nicht meiner fachlichen Haltung entspricht.
Ein konkretes Beispiel – weil es die Mechanik von Verkürzung gut zeigt: In frühen Fassungen des Artikels wurde sinngemäß zugespitzt, Halter würden ihre Hunde „wenn überhaupt“ häufig falsch als etwa
Boxer-Mischlinge anmelden, um Auflagen zu umgehen. Meine Aussage im Vorfeld dazu war eine andere: Es kommt vor, dass Hunde bestimmter Rassetypen wissentlich oder unwissentlich falsch angemeldet
werden. Nicht alle, nicht pauschal und nicht als generelles Halterbild.
Ich habe außerdem betont, dass Behördenmitarbeitenden häufig die rassespezifische Fachkompetenz zur sicheren Einordnung fehlt – und dass es sich dabei um ein strukturelles Problem mit
nachvollziehbaren Ursachen handelt, nicht um eine pauschale Inkompetenzunterstellung. In der öffentlichen Zuspitzung entsteht daraus jedoch schnell eine moralische Erzählung: „Halter tricksen,
Behörden sind unfähig.“ Genau diese implizite Botschaft wollte ich nicht durch meinen Namen legitimieren. Ich bin überzeugt, dass der Großteil der Mitarbeitenden in der öffentlichen Verwaltung selbst
den Wunsch nach mehr Unterstützung und Fachwissen haben und nach bestem Wissen und Gewissen innerhalb bestehender Rahmenbedingungen entscheiden.
Ein weiteres Beispiel: Im Artikel wird angeführt, dass stürmisches Ballwerfen oder intensives Zerrspiel bei bestimmten Rassetypen problematisch sei, da es deren Beutefangverhalten fördere.
Für sich genommen ist diese Aussage nicht falsch, sie ist jedoch stark verkürzt. Beutefangverhalten ist nicht gleich Aggression, und Ballspiel ist weder per se problematisch noch harmlos.
Entscheidend sind Kontext, Erregungsniveau, Impulskontrolle, Abbruchsignale, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit des Hundes, nach Belastung wieder in einen regulierten Zustand zu kommen.
Wird ein solches Beispiel journalistisch isoliert und verallgemeinert dargestellt, entsteht leicht der Eindruck, bestimmte Beschäftigungsformen seien allein ursächlich für gefährliches
Verhalten. Diese Vereinfachung greift fachlich zu kurz. Ballspiel, bei dem Hunde ungehemmt und unkontrolliert einem bewegten Objekt nachhetzen, halte auch ich für problematisch – dabei geht es jedoch
weder um das Ballspiel an sich noch um die Frage, mit welcher Rasse gespielt wird, sondern um die Rahmenbedingungen, unter denen es stattfindet und um die Passung der Bedingungen zur Veranlagung des
Hundes. Eine solche Verkürzung oder Verdichtung verstellt den Blick auf die eigentlichen Risikofaktoren. Genau diese Art der Darstellung wollte ich nicht durch eine namentliche Nennung
mittragen.
Hinzu kommen in vielen Artikeln dieser Art Aussagen Dritter, die fachlich nicht tragen oder stark vereinfacht sind, etwa die Behauptung, der Begriff „Kampfhund“ sei von Boulevardmedien erfunden oder medial heraufbeschworen worden. Solche Aussagen sind nicht nur sachlich falsch, sondern ein Beispiel dafür, wie ein komplexes Thema in eine Lagerlogik gedrückt wird: hier die These der reinen Stigmatisierung, dort die Annahme, Genetik erkläre alles. Das erzeugt Aufmerksamkeit, aber keine Prävention.
Treten zusätzlich moralische Bewertungen auf – etwa die implizite Vorstellung vom „bösen Hund“ oder vom verantwortungslosen Menschen – verschiebt sich die Debatte endgültig ins Polemische. Es
entsteht ein vereinfachtes Narrativ: Der Hund wurde durch falsches Ballspiel böse „gemacht“, die Halter waren naiv, die Behörden zu inkompetent, dies zu erkennen. Solche Verkürzungen mögen eingängig
sein, sie helfen jedoch weder bei der Einordnung realer Risiken noch bei der Entwicklung wirksamer Präventionsansätze.
Fachlich ist der Begriff „Kampfhund“ absolut haltbar, sofern er als Hinweis auf historische Zuchtziele verstanden wird und nicht als Persönlichkeitsmerkmal eines individuellen Hundes. Hundekämpfe
sind historisch gut dokumentiert – auch in Europa, etwa in Großbritannien bis ins späte 19. Jahrhundert – und werden in Teilen der Welt bis heute praktiziert oder zumindest geduldet. Gleichzeitig ist
der Begriff in unseren Breiten stark stigmatisiert. In der Praxis führt das zu zwei problematischen Extremen: Dämonisierung („Bestie“) oder Verharmlosung („alles nur Medienhysterie“). Beides ist
gefährlich.
Die nüchterne Einordnung lautet: Es gibt Rassetypen, deren Vorfahren gezielt für Auseinandersetzungen mit Artgenossen oder wehrhaften Tieren selektiert wurden. Daraus folgt kein Automatismus. Es
erklärt aber, warum bestimmte Eigenschaften in Populationen häufiger vorkommen können und warum bei bestimmten Hundetypen die Anforderungen an Halterkompetenz, Management und Erziehung höher
sind.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Wirkung solcher Berichterstattung auf Betroffene. Zuspitzungen wie „jeder Idiot könne sich so einen Hund anschaffen“ oder stark vereinfachende Vergleiche zwischen
sehr unterschiedlichen Hundetypen können von Menschen, die selbst oder als Angehörige schwer durch einen Beißvorfall betroffen sind, als verharmlosend oder diffamierend erlebt werden. Wer reale
Verletzungen, Traumatisierungen und teils jahrelange Folgen ausblendet, um rhetorisch zu punkten, trägt nicht zur Aufklärung bei.
In nahezu jedem schweren Fall lassen sich in den Kommentarspalten sozialer Medien dieselben Muster beobachten: „Das kann nicht sein“, „der arme Hund“, „der Mensch hat ihn bestimmt schlecht
behandelt“, „ich kenne viele solcher Hunde, die sind alle nett“. Solche Aussagen werden aus sicherer Distanz getroffen, ohne Kenntnis der Umstände und ohne fachliche Einordnung.
In diesem Kontext taucht regelmäßig auch der Vorwurf auf, „die Experten hätten keine Ahnung“. Für Außenstehende ist es jedoch oft schwer zu beurteilen, wer tatsächlich über fachliche Qualifikation, Ausbildung und relevante Erfahrung verfügt – und wer vor allem eine persönliche Meinung äußert. Expertise ist kein moralischer Status und auch kein Schutz vor Irrtum, sie ist jedoch in der Regel an nachvollziehbare Referenzen, Aus- und Fortbildung sowie praktische Erfahrung gebunden. Wo diese Grundlagen fehlen oder fachliche Einordnung ausschließlich über persönliche Erfahrungsberichte und Bewertungen erfolgt, entsteht schnell eine Verzerrung. Verschwimmt diese Unterscheidung im öffentlichen Diskurs, werden fachliche Einschätzungen, anekdotisch erworbene Kompetenz und persönliche Überzeugungen gleichgesetzt – mit der Folge, dass Lautstärke wichtiger wird als Einordnung.
Die Frage ist: Wem hilft das – und was macht es mit den Opfern und Hinterbliebenen? Auch hier beginnt Verantwortung.
Das Grundproblem solcher Artikel ist selten böser Wille. Es ist die Logik des Formats: ein sensibles Thema, begrenzter Raum, hoher Druck zur Zuspitzung, starke Bilder, klare Schuldzuweisungen. Damit
lassen sich Emotionen bedienen – nicht aber komplexe Realitäten abbilden.
Genetik wird dabei häufig entweder überhöht oder vollständig negiert. Beides ist fachlich falsch. Es gibt keine per se gefährlichen Rassen. Es gibt jedoch Rassen und Rassetypen, deren
zuchthistorische Selektion und körperliche Ausstattung das Schadenspotenzial in Konflikten erhöhen können. Das ist keine moralische Bewertung, sondern Biologie und Risikoanalyse. Ebenso unzulässig
ist es jedoch, daraus Persönlichkeitsurteile oder Vorhersagen abzuleiten.
Ein zentraler Denkfehler ist zudem die fehlende Unterscheidung zwischen Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotenzial. Ein Hundetyp kann selten in Vorfälle verwickelt sein und dennoch ein hohes
Schadenspotenzial besitzen – und umgekehrt. Wer diese Ebenen vermischt, diskutiert am eigentlichen Problem vorbei.
Beißvorfälle sind selten isolierte Ereignisse. Meist sind sie das Ergebnis einer Kombination aus fehlender Halterkompetenz, Erziehungsdefiziten, Missdeutung von Signalen, unklaren Alltagsregeln,
Stress, Schmerz oder gesundheitlichen Faktoren. Das bedeutet nicht, dass Hunde oder Menschen „schuld“ sind.
Es bedeutet, dass Prävention prozesshaft gedacht werden muss, nicht reaktiv.
Zu häufig wird – auch bei manch einem „Kollegen“ – moralisiert statt strukturiert. Pointierte Bilder wie der „faule Halter auf dem Sofa“ ersetzen keine Analyse. Wirksame Prävention entsteht durch
Mindeststandards, Bildung, Kontrolle und eine realistische Passung zwischen Mensch, Hund und Umfeld.
Entscheidend ist das System Hund–Mensch–Umfeld. Beißvorfälle entstehen aus dem Zusammenspiel von Disposition, Lernerfahrung, Gesundheitsstatus, Erregung, Umweltbedingungen und menschlichem Verhalten.
Wer ausschließlich über Rassen spricht, verfehlt das Problem. Wer ausschließlich über „schlechte Halter“ spricht, ebenfalls.
Ja, viele Vorfälle wären vermeidbar. Nicht, weil Hunde berechenbare Maschinen wären, sondern weil Risiken häufig früh sichtbar werden: in wiederkehrenden Überforderungssituationen, fehlender
Kontrolle im öffentlichen Raum, chronischer Übererregung oder gesundheitlichen Problemen. Prävention heißt, früh hinzuschauen und früh zu handeln.
Viele Vorfälle ließen sich zudem durch einfache Einsicht und konsequentes Handeln auf Halterseite vermeiden. Einen Hund an der Leine zu führen oder ihn im Zweifel mit einem Maulkorb zu sichern, ist
kein Eingeständnis, einen gefährlichen Hund zu haben, sondern ein Beleg für verantwortungsvollen Umgang. In manchen Situationen hätten bereits eine Leine, ein Maulkorb oder – je nach Kontext – ein
sicherer, stabiler Zaun ausgereicht, um schwere Beißvorfälle zu verhindern.
Ein relevanter Teil des Risikos entsteht im öffentlichen Raum. Leinenpflicht einzuhalten, Distanz zu ermöglichen und die Grenzen anderer zu respektieren, ist keine Rassefrage, sondern eine Frage von
Verantwortung. Dass manche Menschen keinen Kontakt zu fremden Hunden wünschen oder nicht möchten, dass Hunde untereinander Kontakt haben, führt immer wieder zu Diskussionen – auch das ist jedoch
keine Frage von Rasse oder Erziehung, sondern von Rücksichtnahme und öffentlicher Ordnung. Wer solche Grenzen ignoriert, produziert Konflikte, in denen Hunde dann funktional reagieren.
Training allein reicht leider nicht aus. Es braucht Kompetenzen beim Hund, vorausschauendes Management durch den Halter und eine tragfähige Beziehung, die Verlässlichkeit und Orientierung bietet. In
Fällen bereits bestehenden problematischen Verhaltens ist zudem Symptomkontrolle notwendig – als Risikominimierung, nicht als Lösung.
Ich befürworte einen verpflichtenden Hundeführerschein. Nicht, weil er alle Vorfälle verhindern würde, sondern weil er einen Mindeststandard schafft. Der D.O.Q.-Test 2.0 ist hier ein sinnvoller Schritt: ein bundesweit einheitlicher Hundeführerschein, der in vielen Kommunen anerkannt wird. Wir haben uns deshalb schon vor
einiger Zeit als Testcenter qualifizieren lassen.
Was fehlt, sind weitere politische Schritte: einheitlichere Standards, klare Zuständigkeiten, verlässliche Finanzierung, reale Kontrolle – und eine Debatte, die nicht bei symbolischen Fragen stehen
bleibt.
Mein Fazit: Ich habe mich im konkreten Fall gegen eine Nennung im Zeitungsartikel entschieden, weil ich nicht als fachlicher Deckmantel für eine Darstellung dienen wollte, die mir zu verkürzt, zu
emotionalisiert und an zentralen Stellen fachlich unsauber war. Der Artikel ist ohne meinen Namen erschienen – und das ist für mich in Ordnung, auch wenn ich dadurch Reichweite verliere. Fachliche
Integrität darf nicht Reichweite untergeordnet werden.
Beißvorfälle sind real, oft gravierend und verdienen eine Debatte, die Betroffenen gerecht wird und Prävention ermöglicht. Das gelingt nicht durch Lagerdenken, Schuldnarrative oder populistische
Zuspitzungen, sondern durch Systemdenken, Mindeststandards, frühe Passungsprüfung, konsequente alltagsbezogene Erziehung, solides Management und Rücksicht im öffentlichen Raum.
Wenn wir das nicht schaffen, wird die Debatte über Hunde gefährlicher als viele Hunde selbst.